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Slow Sex: Warum der Orgasmus nie das Ziel sein sollte



[00:00:02] Christoph Kraus Eine Kollegin von uns, die sich auch mit Slow Sex beschäftigt, hat einen schönen Satz gesagt: Du bist dann im Slow Sex, wenn du jederzeit aufhören kannst.

[00:00:10] Angela Kraus Also wenn ich das Ziel weglasse und Ziel in unserer Sexualität ist fast immer ein Orgasmus, dann habe ich alle Sinne offen für das, was gerade passiert.

[00:00:23] Lenne Kaffka Ideen für ein besseres Leben haben wir alle. Aber wie setzen wir sie im Alltag um? In diesem Podcast treffen wir jede Woche Menschen, die uns verraten, wie es klappen kann. Willkommen zu Smarter leben. Ich bin Lenne, Kaffka und diesmal skype ich mit Angela und Christoph Kraus.

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[00:01:07] Lenne Kaffka Und heute auch noch ein kleiner Hinweis: Falls Sie Smarter leben gern mit Ihren Kindern hören und wenn Sie finden, dass Details über Geschlechtsverkehr für die Ohren Ihrer Kinder in aller Ausführlichkeit noch nichts sind, dann empfehle ich Ihnen, die heutige Folge einfach mal allein anzuhören.

[00:01:20] Angela Kraus Hallo, mein Name ist Angela Kraus.

[00:01:22] Christoph Kraus Mein Name ist Christoph Kraus, hallo.

[00:01:23] Angela Kraus Und gemeinsam sind wir seit sechs Jahren auf dem Weg der achtsamen Sexualität, also Slow Sex.

[00:01:29] Christoph Kraus Genau, und das hat unser Leben bereichert.

[00:01:31] Lenne Kaffka Wer im Bett mal etwas Neues ausprobieren will, muss sich weder groß verrenken noch seinen Schrank mit Sextoys füllen. Es könnte reichen, mal einen Gang runter zu schalten – beim Slow Sex. Angela und Christoph haben sich damit vor ein paar Jahren aus ihrer eigenen Krise befreit. Mittlerweile bringen die beiden als Sexualcoaches auch anderen Paaren bei, warum sich die Jagd nach dem Orgasmus nicht lohnt und wie ein tantrischer Quickie funktioniert.

[00:01:56] Wir reden heute über Slow Sex, ihr habt schon gesagt achtsame Liebe – aber was muss ich mir jetzt genau darunter vorstellen?

[00:02:03] Christoph Kraus Slow Sex hast du genannt. Den Namen hat gebracht Diana Richardson vor ungefähr zehn Jahren in einem Buch. Und sie hat dieses Buch geschrieben über achtsamer Sexualität, und damit es sich gut verkaufen lässt, hat der Verleger gesagt: Komm, wir nennen das Slow Sex. Weil es war gerade so eine Welle mit Slow Food und der Verleger hat gesagt: Komm, wir nennen das Slow Sex und das wird zum Bestseller. Und sie hat es widerwillig so genannt, aber dieser Name hat sich interessanterweise durchgesetzt. Slow Sex also..

[00:02:32] Angela Kraus Und spannender Weise hat das gar nichts mit “slow” zu tun. Die meisten Leute denken direkt: Slow Sex, okay, ich bewege mich da jetzt überhaupt gar nicht mehr, ist voll langweilig, Und wir sind ja alle so ein bisschen Action getrieben in unserer Sexualität, die wir in der Gesellschaft vorgelebt bekommen. Und das hat gar nichts damit zu tun, dass es jetzt irgendwie besonders langsam ist, sondern das Slow steht eigentlich für Achtsamkeit.

[00:02:53] Lenne Kaffka Okay, das heißt, es ist eine Art Neuetikettierungen von etwas, was es durchaus schon länger gibt, einen achtsameren Umgang mit Sexualität. Richtig?

[00:03:00] Christoph Kraus Ja, absolut. Das gibt es schon seit vielen tausend Jahren, würde ich mal behaupten, seitdem es Achtsamkeit überhaupt gibt. Und es hat viel zu tun mit dem Tantra, also mit einer alten Philosophie aus dem Fernen Osten, das irgendwann hier rüber geschwappt ist. Und Diana Richardson war selber bei dem Osho, das ist ein spiritueller Mensch gewesen, in Indien und den USA und hat auch bei ihm gelernt. Und da ging es viel um achtsame Sexualität, und sie hat quasi auf diesem Gebiet weiter geforscht. Ihr Leben ist diesem ganzen Projekt gewidmet und sie hat viele Bücher darüber geschrieben.

[00:03:30] Lenne Kaffka Du hast jetzt schon gesagt,  achtsame Sexualität gibts schon seit tausenden Jahren. Ihr macht das nicht seit tausenden Jahren, aber ihr seid irgendwann auch zum Slow Sex gekommen, und deswegen spreche ich heute mit euch beiden. Ihr seid schon ziemlich lang zusammen. Ihr seid 34 Jahre lang ein Paar.

[00:03:43] Angela Kraus Ja, der Wahnsinn, genau!

[00:03:43] Lenne Kaffka Ihr kennt euch aus der Schule. Ihr habt euch Im Vorgespräch als Parallelklassenliebe bezeichnet, seid seit 20 Jahren verheiratet, aber vor sechs Jahren ward ihr irgendwann an so einem Punkt, an dem ihr beide sehr unzufrieden ward mit eurer Sexualität. Was war da los?

[00:03:59] Angela Kraus Wir waren letztendlich beide frustriert. Und wie das oft eben ist in einer Beziehung, keiner hat sich getraut, drüber zu sprechen. Ja, es kam irgendwann der Moment nach einer sexuellen Begegnung im Bett, wo wir beide schweigend nebeneinander lagen, wo ich mir dann endlich ein Herz gefasst habe und gesagt habe: Ich glaube, wir brauchen mal Hilfe. Ich habe nur diesen einen Satz gesagt und dann gebetet, oh Gott, was sagt er jetzt? Und mein Mann, also Christoph, war total erleichtert und sagte: Ich bin so froh, dass du das sagst. Ja, ich glaube, wir brauchen Hilfe. Und ab da war es eigentlich für uns so ein Fluss, so leicht. Wir haben uns Hilfe geholt, eine Sexualtherapeutin, die sehr körperbezogen gearbeitet hat. Nach einem Jahr Sexualtherapie kam am Ende raus, im Abschlussgespräch eigentlich: “Okay, was waren für Sie die tollsten Momente, wenn Sie zurückblicken”, fragte die Therapeutin. Und da haben wir beide gesagt, die, wo wir ganz präsent waren, die waren für uns die tollsten. Ja, und dann hat sie uns gesagt, vielleicht ist hier von Diana Richardson Slow Sex was für Sie. Und dann haben wir da reingelesen, nach den ersten Seiten haben wir gesagt, ja, das ist es, das ist unser Weg

[00:05:06] Christoph Kraus Von da gings eigentlich nur noch vorwärts. Ab dieser Sexualtherapie, gerade am Ende, mit diesem Tipp für dieses Buch war für uns klar, das ist der Weg. Und natürlich liegt davor eine 27-jährige gemeinsame sexuelle Geschichte und Biografie, wo wir uns Sexualität natürlich mit 15 gegenseitig beigebracht haben, auf unsere Freunde gehört haben, auf die Bravo, auf Pornografie und dachten, ja so muss Sexualität sein. Aber letztendlich hat sie uns 27 Jahre eher in eine Sackgasse geführt, wo ich auch viele Ideen hatte, wie könnten wir unsere Sexualität beleben oder Abwechslung reinbringen? Oder wo ist der Kick? Also so viele unterschwellige Versuche, aber es gab nie ein wirkliches Gespräch, und es brauchte diesen einen Moment im Bett, der so großartig war: Wir brauchen Hilfe. Und dann war klar, jetzt gehen wir das an.

[00:05:52] Lenne Kaffka Was glaubt ihr denn, was euch früher am meisten gefehlt hat beim Sex? Verbindung, Intimität, keinen Leistungsdruck zu haben, es nicht gut machen zu müssen, es nicht für den anderen zu tun. Viele Dinge, aber auch sowas, wie, komme ich zu früh? Oder, kriege ich eine Erektion? Viele Dinge, die schwierig waren in der Zeit. Oder auch die Dauer. Die Dauer war für mich immer mit gefühlten 15 bis 20 Minuten des kompletten Aktes viel, viel zu kurz. Und innerlich habe ich gespürt, irgendwie will ich das viel länger. Aber nicht viel länger wie das, was ich aus den Filmen kenne, sondern ich möchte gerne viel länger mit meiner Partnerin intim sein. Aber das war irgendwie nicht möglich.

[00:06:32] Angela Kraus Für mich war so das Hauptthema, dass ich irgendwie immer das Gefühl hatte, mit mir ist irgendwas nicht richtig. Also, ich hatte immer dieses Problem, diese sexuelle Erregung, die man irgendwie immer überall vorgehalten bekommt, in Filmen oder wie auch immer, das sich die bei mir nicht einstellte. Also für mich war Sexualität anstrengend. Ich brauchte unglaublich viel Körperspannung, um überhaupt in eine sexuelle Erregung zu kommen. Also nicht unbedingt so meine erste Wahl, sagen wir es mal so. Ich wusste, ich habe immer gemerkt, mein Mann, für den ist es sehr wichtig. Ich bin auch von meiner Prägung her, von meiner Erziehung her natürlich so das typisch Weibliche, “für Männer ist Sexualität wichtig. Die wollen alle nur das eine”, so dieses Ding. Für mich war klar, okay, es ist wichtig für eine Beziehung. Es ist wichtig für Männer, also auch für meinen Mann. Also mach ich mit. Ja, aber wenn mir jemand gesagt hätte, willst du eine Tafel Schokolade oder willst du mit deinem Mann ins Bett, hätte ich die Tafel Schokolade genommen. Es hat mich nicht gezogen. Ich habe mir gedacht, mit mir stimmt was nicht. Dieses Gefühl teilen unglaublich viele Frauen mit mir. Ist was nicht richtig? Also, ich habe es komplett auf mich bezogen. Und heute weiß ich, das hat gar nichts mit mir zu tun gehabt. Mein Körper funktioniert wunderbar. Ich habe mich nur falsch “benutzt” –  in “Anführungsstrichen”.

[00:07:50] Lenne Kaffka Es klingt jetzt ein bisschen so, als ob dieser Gedanke an Slow Sex für dich, Angela, fast eine Erlösung war. Aber Christoph, hattest du keine Vorbehalte, das auszuprobieren? Das war ja letztendlich ziemlich das Gegenteil von dem, was du vorher als Sex betrachtet und gekannt hast, oder?

[00:08:04] Christoph Kraus Ja, ja, absolut. Aber es war für mich so ein Ausweg, ein gemeinsamer Ausweg aus dieser Sexfalle, aus dieser Leistungssexfalle, die wir vorher eben hatten. Und wir hatten ein gemeinsames Projekt, und das Projekt hieß, uns körperlich näher zu kommen, uns neu kennenzulernen, uns neu aufeinander einzulassen und nach kurzer Zeit schon zu spüren, wie viel Liebe und Zärtlichkeit, wie viel Intimität dadurch entsteht. Also war es für mich eher ein Gewinn. Und im Slow Sex ist es ja so, dass man sich verabredet, man verabredet sich quasi zu seinen Treffen, und es gibt auch den sogenannten Quickie, also so ein tantrischen Slow Sex Quickie, wenn man möchte. Und der ist großartig, weil der nichts mit dem Quickie in der Küche zu tun hat, wie man das früher vielleicht kannte oder in Filmen sieht, sondern man sagt, komm, wir gehen 20 Minuten und bringen Penis und Vagina zusammen. Und ich dachte, wow, 20 Minuten, das ist großartig. Also viel großartiger als das, was ich vorher hatte. Weil das darf sogar auch eine Stunde dauern. Für mich war da ein großer Benefit, vielmehr in Kontakt mit meiner Partnerin zu kommen, als es vorher möglich war.

[00:09:07] Lenne Kaffka Okay, wir müssen das mal ein bisschen konkret machen. Bedeutet gerade schon so ein paar Dinge an: Wir bringen Penis und Vagina zusammen. Klingt für mich irgendwie nach Penetration. Lasst uns mal besprechen, was ist denn jetzt genau anders beim Slow Sex? Wenn man jetzt mal so ganz plump den heterosexuellen Sex zusammenfasst, wie sich den wohl die meisten vorstellen, dann wäre es wahrscheinlich Vorspiel, Penetration und das große Ende der Orgasmus. Was ist jetzt anders beim Slow Sex?

[00:09:31] Angela Kraus Der erste und der erheblichste Unterschied ist, es gibt keinen Ablauf, also jede sexuelle Begegnung ist neu. Das heißt, und das ist nämlich das Thema Achtsamkeit, was reinkommt, das heißt, ich schau immer, was ist genau, gerade jetzt? Ich beschäftige mich nicht damit, was für ein Ziel könnte ich haben? Nämlich normalerweise haben wir das Ziel, einen Orgasmus zu erreichen, entweder den Partner dazu zu bringen oder mich selber, sondern ich guck einfach, was ist heute da. Das heißt, ich hechele keinem Ziel hinterher. Damit stelle ich eben auch keinen Leistungsdruck für mich selber, keinen Erwartungsdruck auf der anderen Seite, dass ich irgendetwas von dem anderen erwarte. Sondern ich gehe eher in so einer… Christoph beschreibt es immer ganz schön mit einem Spaziergang durch die Berge oder wenn man auf dem Berg hochgeht. Ich kann jetzt da hoch hecheln und gucken, dass ich oben ankomme beim Gipfelkreuz und mein Pickel auf meinen Wanderstab mache. Oder ich genieße einfach den Weg und guck mal, wo ich überall vorbeikomme. Und dann kriege ich auch viel mehr mit. Also, wenn ich das Ziel weglasse und das Ziel in unserer Sexualität ist fast immer ein Orgasmus, dann habe ich alle Sinne offen für das, was gerade passiert. Wenn ich aber ein Ziel habe, dann blende ich alles andere aus. Das ist einer der großen Unterschiede. Das Ziel weglassen.

[00:10:51] Lenne Kaffka Absichtslosigkeit ist da das Schlagwort, oder?

[00:10:52] Angela Kraus Absichtslosigkeit, genau.

[00:10:55] Christoph Kraus Und natürlich treffen wir uns mit einer Absicht. Wir treffen uns mit einer Absicht, uns körperlich zu begegnen. Du hast es eben so schön gesagt: Vorspiel, eigentlicher Akt, und dann ist es fertig. Für uns gibt es kein Vorspiel mehr und auch nicht den eigentlichen Akt. Für uns ist die ganze Begegnung quasi Liebe machen. Und es gibt nicht mehr das Vorspiel und dann eben irgendwo auf welche Knöpfe drücken, um Erregung zu erzeugen und dann möglichst schnell ineinander zu gehen, in die Penetration oder Vereinigtsein oder wie auch immer man das nennen mag. Sondern es geht einfach um diese ein, zwei, drei Stunden, einfach körperlich beieinander zu sein und sehr präsent. Und wenn wir nicht so sehr im Kopf sind, sondern mehr im Fühlen in unserem Körper, werden wir immer sensibler. Und es ist großartig, das zu erleben, was man dabei fühlen kann, wenn man dieses Ziel im Kopf einfach weglässt.

[00:11:39] Lenne Kaffka Ist denn irgendetwas verboten beim Slow Sex?

[00:11:41] Christoph Kraus Nein, gar nicht.

[00:11:42] Lenne Kaffka Irgendwelche Regeln?

[00:11:43] Christoph Kraus Nein, es ist alles erlaubt, und es darf auch richtig wild sein. Wichtig ist halt, dass man bei sich bleibt in seinem Körper und guckt, Was spüre ich gerade und was fühlt sich gut an.

[00:11:53] Angela Kraus Was Christoph gerade sagt, bei sich zu bleiben. Das war damals auch in der Sexualtherapie, die wir gemacht haben, für mich einer der erhellenden Momente, dass die Therapeutin sagte: Ja, Sexualität machen Sie in allererster Linie und eigentlich auch nur für sich selber und nicht für den Partner. Und ich war immer so gepolt, ich gucke, dass ich möglichst mein Mann so berühre, dass es ihm gefällt und dass er hoch erregt ist und dass er zum Orgasmus kommt. Ich habe mich dann ja schon eher mal abgeschrieben, weil in unserer gemeinsamen Sexualität kam ich eigentlich nie zu einem Orgasmus, wenn ich nicht selber irgendwie Hand angelegt habe. Deswegen habe ich das ausgeblendet und hab nur gesagt Okay, für mich ist wichtig. Die Gegenseite hat Spaß, dann bin ich gut im Bett, weil es bei ihm gut ankommt. Und dann habe ich gedacht, wie jetzt, ich meine man ist ja zusammen in einem Bett. Das ist ja egoistisch. Un dann sagte sie: Ne, ne, jetzt fühlen Sie mal nur sich, wie fühlt sich das für Sie an? Was haben Sie für Gefühle? Auch wenn ich Christoph berühre, kann ich ihn durchaus so berühren, dass ich weiß, was ihm gefällt. Wir kennen uns ja lange genug. Aber ich kann diese Berührungen so ausführen, wie sie mir am besten gefällt, sodass ich durch die Berührung, die ich gebe, eigentlich auch zum Empfänger werde.

[00:13:07] Lenne Kaffka Okay, also auch achtsamer mit sich selbst sein. Aber jetzt interessiert mich natürlich auch noch, wie der achtsame Quickie funktioniert.

[00:13:15] Christoph Kraus Im Slow Sex, in der achtsamen Sexualität, geht es darum, den Penis und der Vagina im Prinzip Zeit und Raum zu schenken, sich gegenseitig zu spüren. Man geht in eine Vereinigung, egal ob da eine Erektion ist beim Mann oder eben nicht. Man nimmt ein bisschen Gleitmittel dazu. Es gibt eine spezielle Stellung dafür, die Scheren-Stellung. Man bringt die Becken nah beieinander und bleibt im Prinzip 20 Minuten einfach still liegen und überlässt mal den Penis und der Vagina das Feld.

[00:13:41] Angela Kraus Die haben nämlich ein Eigenleben, wenn man sie lässt

[00:13:43] Christoph Kraus Und die können reden, und die können kommunizieren, und die können Energie austauschen, auch wenn es ein bisschen spooky klingt. Aber das können die echt gut, wenn man sie lässt. Und in der Regel lassen wir sie nicht im Leistungssex, sondern wir sind dabei drauf und machen unsere Bewegung und unsere Stellungen. Und im tantrischen Quickie gibt man Penis und Vagina Raum zum Spüren und Fühlen. Ich bin wie ein Beobachter.

[00:14:04] Lenne Kaffka Wahrscheinlich geht es mir da wie den meisten Leuten, die das jetzt noch nicht ausprobiert haben. Ich kann mir Sex ohne Erregung tatsächlich sehr schwer vorstellen. Was fühlt man dann stattdessen?

[00:14:13] Christoph Kraus Ja, das ist spannend. Am Anfang vielleicht erst mal gar nichts. Vielleicht am Anfang Taubheit oder Langeweile, oder.. Das ist schon erstmal merkwürdig. Also auch, weil es sehr unterschiedlich ist in der Wahrnehmung. Also bei 20 Minuten Stille, quasi, war ich im siebten Himmel, als wenn ich meinen Penis in Champagner bade und die Angela sagte, hey, mir ist langweilig.

[00:14:33] Angela Kraus Ich fühle gar nichts. Also, ich war am Anfang, okay, was soll das jetzt sein? Okay, es tut mir nicht weh. Kann man machen, muss man aber nicht, so nach dem Motto. Also, ich war sehr neutral. Für mich war das eher eine Art Meditation. Ich bin auch regelmäßig weggedämmert dabei und habe nur gedacht, okay, ich kann ja jetzt nicht sagen, ich fühl garnix, kann ich doch jetzt nicht sagen. Was soll denn dann Christoph denken, dass er irgendwas falsch macht? Und dann habe ich aber wieder gedacht, ich soll ja bei mir bleiben, das ist ja mein Gefühl. Er kann ja nichts dafür. Es ist ja nicht seine Schuld, dass ich nichts fühle. Und dann habe ich das ausgesprochen und gesagt, okay, ich fühle gar nichts. Und dann hat mich das erstmal ein bisschen sehr frustriert, weil ich gemerkt habe durch die Art der Sexualität, die ich bisher gelebt habe, habe ich mich selber oder meine Vagina taub gemacht. Du musst dir vorstellen, das Gewebe in der Vagina ist nicht, und auch das vom Penis, ist nicht dafür ausgelegt, schnelle Bewegungen zu spüren. Das hat Tiefenrezeptoren. Es braucht eigentlich einen sanften Druck. Und dieses schnelle Bewegen, dieses Reiben, das können die gar nicht. Wenn du aber jetzt diese Reibung, die du gewohnt bist, wegnimmst und in eine Stille gehst, dann ist da erst mal nichts, weil diese ganzen Nervenverbindungen, die dafür nötig sind, die sind eigentlich gekappt. Das heißt, du brauchst eine gewisse Zeit, um das wiederzubeleben. 

[00:15:55] Lenne Kaffka Man könnte ja eigentlich denken: Schlafen, Essen, Sex, dazu ist der Mensch einfach fähig. Aber das klingt jetzt schon so, als ob man Slow Sex erst mal richtig lernen muss, vielleicht auch Übungen machen muss.

[00:16:04] Christoph Kraus Dem würde ich widersprechen, Lenne. Ich bin ja viel in Seminaren unterwegs, auch zur Selbstreflektierung und was ich über mich gelernt habe, ist: Ich war der achtsamste Liebhaber auf der ganzen Welt zu mir selber, als ich mich als junger Mann entdeckt habe. Da ging es nicht, um schnell irgendwie abspritzen, einen Orgasmus zu kriegen, Samenerguss zu haben, sondern ich konnte mich stundenlang in der Badewanne einfach nur berühren. Interessant ist, wann ist das gekippt? Das ist gekippt, als ich angefangen habe, die Bravo zu lesen, als ich angefangen habe, mit meinen Freunden über Sex zu sprechen. Und das wichtigste Ereignis, mein erster Porno, der hat das alles in Frage gestellt. Alles, was ich vorher an achtsamer Sexualität mit mir selbst entdeckt habe. Und ich bin überzeugt davon, dass es jeden Menschen in die Wiege gelegt ist, das es aber nur von außen zugemüllt wird. Und aus den eigenen Erfahrungen und aus meiner Arbeit weiß ich, dass wir Menschen bis ins hohe Alter lernfähig sind und dass das zurückkommen kann und dass diese Sehnsucht in ganz vielen Menschen drin ist, so wie sie in mir war.

[00:17:04] Lenne Kaffka Okay, dann würde ich es umformulieren: Vielleicht musstet ihr es erst neu lernen.

[00:17:07] Christoph Kraus Ja, wir durften das Alte verlernen.

[00:17:10] Angela Kraus Genau, und das ist ganz gut, dass du das sagst, denn letztendlich ist Sexualität etwas, was wir lernen. Viele Menschen glauben ja, ja, das ist in unseren Genen, das ist automatisch in uns drin. Das spricht ja auch keiner so wirklich drüber. Bis auf den Biologieunterricht und wie man möglichst keine Geschlechtskrankheiten bekommt und nicht schwanger wird. Vielmehr an Wissensvermittlung gibt es nicht, und der Rest kommt schon von alleine. Der erste Kuss und dann ist bääm und dann gehen die Lampen an, und alles… Das geht dann schon. Das ist aber nicht so. Wir bringen uns das komplett selber bei Sexualität, und da kann man auch ins Klo mit greifen, je nach dem, was man sich halt so beibringt. Letztendlich kann man es wieder erlernen, kann man was anderes lernen. Man kann dem Körper was anderes beibringen.

[00:17:57] Christoph Kraus Wir sind quasi mit Anfang 40 nochmal in die Pubertät gegangen. Es war großartig.

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[00:18:37] Lenne Kaffka Was würdet ihr jetzt anderen raten, die das auch irgendwie mal wieder neu erlernen wollen, die Slow Sex ausprobieren wollen? Wie fängt man denn damit am besten an?

[00:18:44] Christoph Kraus Wir hatten ganz klar das Buch, und wir haben dieses Buch genommen, und wir haben es gelesen und geguckt, was spricht uns an, was wollen wir ausprobieren? Und dazu gehörte auf jeden Fall dieser tantrische Quickie. Das ist auch etwas, was ich anderen Paaren empfehlen würde, sich einfach mal dazu zu verabreden.

[00:19:00] Angela Kraus Wir haben halt im Prinzip am Anfang das Commitment für uns gehabt, wir probieren jetzt etwas Neues, und wir probieren das ausschließlich. Das heißt, wir lassen das Alte komplett weg, geben dem neuen Mal eine Chance, eine Zeit lang, ich sage jetzt mal im Zeitraum drei Monate, sechs Monate, wie auch immer. Wenn man einfach mal auf eine Zeitstrahl sich anschaut, wie lang ist man schon sexuell aktiv und man möchte etwas verändern, wie viele sind dann sechs Monate? Auf diesem Zeitstrahl ist es eigentlich ein Pups. Und dann macht man letztendlich nur das. Wir verabreden uns zu festen Terminen. Da sagen schon die meisten: Ja, aber dann bin ich dann keine Lust, habe?

[00:19:36] Christoph Kraus Sex, muss immer spontan sein.

[00:19:38] Angela Kraus Genau, das ist ja so in unserem Kopf. Sehr spontan haben beide Lust. Meistens geht das in die Hose. Gerade wenn man vielleicht kleine Kinder hat oder so. Dann ist da nichts mehr mit spontan. Ich sage dann, was ist der Unterschied zu einem Date? Wenn du sagst, ich hab da einen guten Freund, den Kontakt möchte ich nicht verlieren. Wir haben zusammen studiert, wie auch immer, und wir verabreden uns einmal im Monat fest zum Essen gehen. Das sagst du ja auch nicht: Und wenn ich dann keinen Hunger hab? Da geht es ja gar nicht ums Essen, da geht es um den Kontakt. Da geht es darum, mit einem Menschen in Kontakt zu gehen. Und so ist das bei der Sexualität auch. Du verabredest dich fürs Liebe machen, was daraus entsteht, weißt du dem Zeitpunkt noch nicht, weil es gibt ja kein Ziel.

[00:20:15] Lenne Kaffka Hat es dir dann auch geholfen, dass ihr euch so einen Zeitraum gesetzt habt? Weil du hast es ja gesagt, am Anfang hast du Langeweile verspürt. Wann hattest du denn das erste Mal eine positive Überraschung? Und vor allen Dingen, was hat dir dann gefallen?

[00:20:25] Angela Kraus Na ja, also eine positive Überraschung war es eigentlich von Anfang an, weil ich jemand war, der in der ursprünglichen, oder in meiner Leistungssexualität eher das Problem hatte mit einem sehr unangenehmen Gefühl, mit einem Reibungsgefühl, mit einem wund sein in der Vagina, eigentlich immer. Das heißt, ich war immer erpicht darauf, dass das Ganze schnell vorbei ist. Und das hatte ich jetzt schon mal direkt, dass mir nichts mehr weh tut. Ja, okay, es ist zwar jetzt nicht sonderlich spannend, aber es ist erstmal für mich, wo ich sagen kann, ja, das ist etwas, da gehe ich mit. Es steht in allen Büchern, dass diese achtsamer Vereinigung der Grundpfeiler ist. Irgendwas muss dran sein. Ich bleib einfach dran, und ich habe mich dann überraschen lassen. Und je mehr ich von diesem Ziel loslassen konnte, ich will die Erregung, ich will den Orgasmus, je mehr ich das losgelassen habe, desto mehr wurde ich beschenkt mit schönen Gefühlen. Es hat schon ein paar Wochen bei mir gedauert, bis das erste Mal war, wo ich sagen konnte, ich fühle jetzt auch mal so ein leichtes Kribbeln. Aber das hat sich gesteigert, ich bin drangeblieben, und es hat sich gesteigert bis zu Orgasmus ähnlichen Zuständen durch Nichtstun, wovon ich völlig überrascht bin.

[00:21:32] Lenne Kaffka Besteht da dann nicht so ein bisschen auch die Gefahr, dass man den Leistungsdruck ins Gegenteil verkehrt? Statt immer schneller, besser, länger, jetzt auf einmal, immer entspannter, langsamer, achtsamer?

[00:21:41] Christoph Kraus Nee, nee, gar nicht. Und ich kann sagen, für mich war es direkt von Anfang an ein Gewinn. Einfach schöne Gefühle zu haben, oft meine Partnerin zu treffen und die Erfahrung zu machen, mein Körper will immer. Der hat Bock drauf den anderen Körper zu spüren, zu riechen, zu schmecken, einfach zu fühlen.

[00:21:57] Angela Kraus Genau, das, was dazwischen grätscht, ist in der Regel unser Kopf. Man sagt ja, jetzt habe ich aber keine Lust. Ich kann Lust nicht im Kopf aufbauen. Die Lust ist in meinem Körper.

[00:22:06] Christoph Kraus Und es ist uns immer leichter gefallen, das loszulassen und immer wieder reinzukommen oder auch viel deutlicher zu spüren, wenn der andere wegdriftet, um zu fragen: Wo bist du gerade, und wieder die Möglichkeit zurückzukommen, zu geben.

[00:22:19] Angela Kraus Es ist auch nicht immer alles schön in der Sexualität. Ja, es kommen auch da Gefühle und Emotionen hoch, durchaus, wenn man in der Selbstbeobachtung bleibt, wo es wirklich auch mal sein kann, dass ich sage: Ich fühl mich gerade total traurig oder ich fühle mich bedrängt. Dieses dafür Worte zu finden und das ausdrücken zu dürfen, weil es nämlich in dem Moment meins ist und nicht die Gegenseite daran schuld ist, egal, woher das kommt, ich muss das auch gar nicht verstehen. Es gibt durchaus auch Frauen, die heulen vielleicht zwei Stunden lang dann erstmal, weil erst mal sich irgendwas löst und sie dankbar sind, dass sie sagen: Ich darf jetzt einfach mal so sein, wie es ist. Ich muss jetzt nicht irgendwie eine Rolle spielen, oder ich muss nicht irgendwas erledigen, oder ich muss nicht funktionieren. Ich darf einfach nur so sein, wie ich jetzt gerade bin, und das fühlen, was da ist.

[00:23:08] Lenne Kaffka Also führt die Intimität und die Nähe heute quasi dazu, dass ihr euch in den Momenten der Sexualität mehr öffnen könnt voreinander?

[00:23:14] Angela Kraus Auf jeden Fall. Wir haben uns auch auf einer tieferen Ebene viel besser kennengelernt. Wie wir funktionieren, was wir für Denkmuster haben, was für Autopilot stattfinde in unserem Hinterkopf, was sich auch immer in der Sexualität wieder steigert. Also zum Beispiel, wenn ich mich achtsam beobachte, indem wie ich in der Arbeit bin, wie ich mit meinem Sohn umgehe, wie auch immer, das sind immer die gleichen Muster und die kommen auch in der Sexualität. Ich habe zum Beispiel so ein Ding aus der Kindheit, kennst du auch, “Indianer kennt keinen Schmerz”, also sei stark. Das ist so meins, da bin ich sehr stark von den Eltern geprägt worden, und es kommt auch in der Sexualität. Ich hatte Schmerzen bei der Sexualität, und ich hab nichts gesagt.

[00:23:54] Lenne Kaffka Welche Rolle spielt denn Erregung heute noch bei eurem Sex?

[00:23:58] Christoph Kraus Also die Erregung ist total willkommen. Die darf da sein, und die darf auch hochgehen. Und auch der Orgasmus ist total willkommen. Aber der geschieht quasi einfach. Oder ich kann mich bewusst dafür entscheiden, ihn jetzt geschehen zu lassen. Ich hechele dem nicht so hinterher. Wir schauen, dass die Erregung nicht ganz so hoch ist. Auf so einer Skala von 1 bis 10 ist 10 der Orgasmus, und wir bewegen uns gar nicht so weit oben. Wir bewegen uns vielleicht zwischen fünf, sechs, sieben. Vielleicht geht es mal hoch auf acht oder neun, und dann lassen wir es wieder abklingen. Einfach in der Stille, das man einfach nur ganz bewusst atmet, wieder rein spürt. Und natürlich wird so ein sexueller Akt oder eine Begegnung auch viel, viel länger.  Weil man nicht wie früher schnell fertig werden wollte. Was Frauen machen können, um schneller fertig zu werden, wissen sie. Sie spannen den Beckenboden an. Das fühlt sich für mich als Mann ähnlich an, wie es mir selbst mit der Hand zu machen. Und ich bin nach fünf Minuten fertig. Das sind dann auch frühzeitige Ejakulation.

[00:24:55] Lenne Kaffka Ich wollte gerade fragen: Wie lange dauert heute bei euch Sex?

[00:24:57] Christoph Kraus Zwei bis drei Stunden, auch zu einer Uhrzeit, die uns beiden gut gefällt. Also zum Beispiel ist es bei uns lieber der Vormittag als der Abend oder der Nachmittag, wo wir frisch sind.

[00:25:07] Lenne Kaffka Muss man den passenden Job haben.

[00:25:09] Christoph Kraus Ja, man kann aber viele Dinge einfach organisieren, dass es funktioniert, wenn man es wirklich will. Das haben wir auch festgestellt. Diese längeren Treffen machen wir einmal die Woche, ganz fest, an einem festen Tag, der ist fest im Kalender drin. Und wenn mal was dazwischenkommen sollte, suchen wir direkt eine Alternative. Da ist eine sehr hohe Verbindlichkeit. Und zu diesem längeren Treffen kommen immer unsere kurzen tantrischen Quickies, die man vorm Frühstück, beim Einschlafen, in der Mittagspause, wie auch immer, mal einfach einflechten lassen kann, die sehr spontan sind, aber die sehr viel Nähe und Intimität bringen.

[00:25:43] Lenne Kaffka Bei euch startet der Sex ja nicht aus einem Moment heraus durch eine Spontanität, sondern durch Verabredungen. Wie endet bei euch Sex?

[00:25:51] Christoph Kraus Das war am Anfang eine sehr schwierige Frage, wie endet Sex? Wie kann der aufhören? Eine Kollegin von uns, die sich auch mit Slow Sex beschäftigt, hat einen schönen Satz gesagt: Du bist dann im Slow Sex, wenn du jederzeit aufhören kannst. Egal, wie schön es gerade ist. Man kann sagen, du lass uns aufhören, ich hab Hunger.

[00:26:09] Lenne Kaffka Was ist denn für euch heute wichtiger, das Entdecken des eigenen Körpers oder eher den anderen Körper zu entdecken?

[00:26:14] Angela Kraus Das hängt ganz nah aneinander. Wenn ich zum Beispiel diese weiche Haut hier in der Armbeuge bei ihm, wenn ich da so ganz sanft mit meinem Mund drüber gehe, dann ist das für mich ein ganz sinnliches Erlebnis, so, weil das total weich ist. Und so kann ich da vielleicht auch mal zehn Minuten bleiben. Und in dem Moment, wo ich so präsent in einer Berührung bin, die ich gebe, weil ich sie für mich so stark fühlen kann, kommt sie bei dem, der sie empfängt, obwohl ich sie eigentlich für mich gerade mache, diese Berührung unfassbar gut an.

[00:26:44] Lenne Kaffka Wie wichtig ist denn Kommunikation beim Slow Sex?

[00:26:47] Christoph Kraus Total wichtig. Total. Total wichtig. Wir haben früher beim Sex nie geredet. Es war immer etwas, was mich oder auch Angela total rausgebracht hat aus der sexuellen Erregung. Das war wie so ein Cut quasi. Wir haben festgestellt, dass Kommunikation halt unglaublich wichtig ist in der Sexualität. Und wir haben festgestellt, dass es immer leichter wird zu kommunizieren, auch während des Liebemachens und dass uns das nicht mehr rausbringt, sondern dass man quasi einfach weitermachen kann. Und das geht ja nicht darum zu reden, sondern einfach nur kurz vielleicht mitzuteilen, was fühle ich genau.

[00:27:19] Angela Kraus Das ist ein großes, großes Stichwort. Was fühle ich? Also, wenn ich jetzt merke, wenn Christoph meine Brust irgendwie streichelt und mir gefällt das nicht, dann kann ich das ja auf zwei Wegen kommunizieren. Ich kann sagen, du bist zu fest. Dann ist er direkt kritisiert, kommt schlecht an auf der anderen Seite. Oder ich kann sagen, ich möchte das gerne leichter. Also ich kann es auf mich beziehen, da bin ich wieder bei mir. Ja, das ist ganz essenziell in der Achtsamkeit, aber eben auch in der achtsamen Sexualität. Immer bei mir, was möchte ich.

[00:27:52] Lenne Kaffka Das klingt aber so, als ob ihr auch dann was für eure Beziehung generell gelernt habt oder ihr. Das sind ja Kommunikationstechniken, die euch auch im Alltag helfen können. Inwiefern hat sich denn eure Beziehung verändert durch die Entscheidung, Slow Sex zu leben, zu praktizieren?

 

[00:28:05] Christoph Kraus Wir sind uns nähergekommen. Wir haben uns besser kennengelernt, und wir sind viel eigenständigere Wesen geworden. Wir sind nicht mehr so ein Knäuel von Angela und Christoph, sondern wir sind heute Angela für sich und Christoph für sich. Wir sind eher viel differenzierter heute unterwegs, für uns selber und können uns so auch viel leichter auf Augenhöhe begegnen.

[00:28:27] Angela Kraus Genau dadurch sind wir uns eigentlich viel näher als jemals zuvor, indem wir uns mehr “auseinanderdividiert” haben, in Anführungsstrichen.

[00:28:36] Lenne Kaffka Wenn ich das so höre, habe ich aber auch das Gefühl, dass gegenseitiges Vertrauen auf jeden Fall eine wichtige Basis ist für Slow Sex. Ist es dann eigentlich eher was für Paare, die schon länger zusammen sind?

[00:28:47] Christoph Kraus Nee,es können Paare auch genau so starten. Wir hatten damals ein Retreat bei Diana Richardson gebucht in der Schweiz, und da waren 25 Paare, und es gab welche, die waren schon 25 Jahre zusammen, und manche waren gerade in ihren Flitterwochen.

[00:29:00] Lenne Kaffka Da waren sie aber auch schon ein bisschen zusammen.

[00:29:03] Angela Kraus Na ja, durchaus. Menschen, die dann gesagt haben, okay, ich habe jetzt schon so viele Beziehungen hinter mir, und jedes Mal ist es genau so geendet in der Sexualität, und ich will das jetzt nicht mehr. Und wenn der nächste Partner oder die nächste Partnerin kommt, mache ich von Anfang an klar, ich möchte diese Art von Sexualität. Wenn du mit mir zusammen sein willst, entweder so oder gar nicht. Das gibts auch, dass man direkt von Anfang an sagt: Ich möchte direkt einen anderen Boden sehen, weil ich habe so viele schlechte Erfahrungen gemacht in meinem Leben.

[00:29:35] Christoph Kraus Und wir kennen das alle, wenn diese Verliebtheitsphase vorbei ist, die ja maximal irgendwie sechs Monate bis drei Jahre hält, dieses wirklich Verliebtsein und dann nimmt man sich ja auch ganz viel Zeit zueinander, so geht es dann doch meistens irgendwann den Bach runter. Dass diese Verliebtheit weg ist, diese Geilheit, dieses aufeinander stehen quasi. Damit kehrt der Alltag ein, und die Liebe rückt irgendwie in den Hintergrund, weil es andere Dinge zu tun gibt. Und für mich ist also Slow Sex oder achtsame Sexualität wie so eine Basis für viele Paare, die lange glücklich zusammenbleiben möchten.

[00:30:08] Lenne Kaffka Wenn man böse sein will, kann man jetzt sagen: Ja, klar, Christoph, Angela, die sind ewig zusammen. Ist ja klar, dass sie mal was anderes brauchten. Aber glaubt ihr nicht auch, dass das für jüngere Leute, vielleicht Anfang zwanzig oder so, etwas sein könnte, die noch eher am Anfang ihrer Sexualität stehen?

[00:30:21] Christoph Kraus Also ist es großartig, wenn junge Menschen sich erst einmal austoben, wenn sie ihre Erfahrungen machen als Jugendliche, als junge Erwachsene, und dass sie dann im Prinzip Zugang kriegen zu dem Thema achtsame Sexualität. Und irgendwie ist es für uns auch eine Aufgabe geworden für mich, Menschen darin zu begleiten, den Weg in die achtsame Sexualität zu finden. Wir machen Workshops dazu, und die Teilnehmer sind teilweise Anfang, Mitte zwanzig.

[00:30:44] Angela Kraus Aber es kommen auch Menschen mit Mitte, Ende 60. Das finde ich auch total toll und krass. Sie sagen, ich möchte das jetzt noch verändern, und es geht in jedem Alter.

[00:30:55] Lenne Kaffka Genau, das ist die andere Seite. Es ist nie zu spät, damit anzufangen. Wenn ich jetzt so zurückdenke, als ich Anfang 20 war, keine Ahnung, ob mich das interessiert hätte. Aber ich kann mir vorstellen, dass ich nicht gesagt hätte, ich mache jetzt nur noch das. Wie dogmatisch muss man das Leben? Ist es auch möglich Slow Sex ab und zu mal als eine Spielart in sein Sexleben einzubauen?

[00:31:15] Christoph Kraus Also, ich kann nur von mir sprechen, und ich wollte zu dem Alten nicht mehr zurück. Es gibt Kollegen, die sagen, es geht beides. Wichtig ist, dass man vorher bespricht, was wollen wir heute? Den Sex, den wir viele Jahre gemacht haben, oder wollen wir heute Slow Sex? Ich glaube, das ist wichtig, das klarzuhaben, um was geht es heute, damit beide, Mann und Frau oder Frau und Frau und Mann und Mann genau wissen, worum geht es jetzt? Meine persönliche Überzeugung ist, dass es alles durcheinanderbringt.

[00:31:41] Angela Kraus Das Spannende dabei ist letztendlich, dass man, wenn man in die achtsamer Sexualität mal ausprobieren möchte, und fängt damit an, diese vielleicht ganz in Stille, sich zu vereinigen und einfach mal zu gucken, was passiert, dann ist vielleicht am Anfang merklich erstmal nicht viel los, und man denkt: Okay, das soll der Zweck sein? Was soll das? Ein bisschen komisch, aber dann beobachtet man sich einfach mal weiter. Wie ist es denn ein paar Stunden später? Wie fühle ich mich denn? Oder am nächsten Tag oder die nächsten Tage? Wie ist meine Stimmung? Wie ist das Miteinander? Wie fühle ich mich? Und dann beobachtet ich mal: Wie fühlst du dich? Nach einem leistungsorientierten Sex, wo du vielleicht diese tollen drei Sekunden Orgasmus hattest und in dem Moment dich super gefühlt hast, aber wie fühlst du dich denn am nächsten Tag? Und ist vielleicht eine gewisse Gereiztheit zwischen dir und deinem Partner oder deiner Partnerin die nächsten Tage und du weißt gar nicht, warum. Und wenn man das einfach mal sehr neutral beobachtet, wird man feststellen, dass man mit dem weniger sensationellen Sex nachhaltigere, bessere oder angenehmere Gefühle erzeugen kann. Auch wenn ich nicht dieses Bääm habe.

[00:32:49] Lenne Kaffka Du hast jetzt gesagt, wenn man diesen kurzen Orgasmus hatte, ist man am nächsten Tag gereizt. Aber ich würde vermuten, dass es auch einige Paare gibt, denen das gefällt und die das auch am nächsten Tag noch als etwas Schönes erleben.

[00:33:00] Christoph Kraus Ja, es gibt Paare, die brauchen genau das. Die brauchen auch den Streit, um Sex haben zu können. Das hat was mit Beziehungsdynamik zu tun. Und zum Glück ist Beziehung so vielfältig und braucht so unterschiedliche Rahmenbedingungen, um sich im Bett wieder zu treffen oder im Alltag gut miteinander zu sein. Aber das können die Paare nur für sich selbst herausfinden.

[00:33:20] Angela Kraus Und letztendlich sind wir jetzt nicht die Verfechter, die sagen Slow Sex steht über allem, und es ist die einzig wahre Sexualität. Nee, das ist unsere. Es ist unser Weg, und es ist unsere Erfahrung. Und es gibt mit Sicherheit auch massenhaft Menschen, die sagen: Nee, aber Sadomaso ist meins oder BDSM oder was auch immer. Aber unsere Erfahrungen, die wir gemacht haben, sind eben genau diese, und wir begleiten eben viele Menschen auf dem Weg dorthin. Und die machen sehr ähnliche Erfahrungen.

[00:33:49] Lenne Kaffka Dann sagt mir gerne zum Schluss einfach nochmal, warum sich Slow Sex für euch einfach besser anfühlt?

[00:33:54] Angela Kraus Für mich fühlt sich Slow Sex einfach besser an, weil ich meine Sinnlichkeit gefunden habe und weil ich heute meinen Mann in mir, in meiner Vagina willkommen heißen kann und mich auf eine sexuelle Begegnung freue. Und das ist alles so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was ich früher erlebt habe.

[00:34:14] Christoph Kraus Für mich hat sich verändert, dass ich einfach viel mehr sexuellen Kontakt mit meiner Partnerin habe, so wie ich mir das früher gewünscht habe, sodass wir einfach viel mehr in Kontakt sind, weil ich eben auch ein sehr kontaktfreudiger Mensch bin und Berührungen auch sehr, sehr liebe und schätze. Und ich schätze es sehr, dass der Leistungsdruck gegangen ist. Der Leistungsdruck, es meiner Partnerin rechtmachen zu wollen oder zu müssen, gelernt zu haben, dafür bin ich gar nicht verantwortlich, sondern ich kann mich in meiner Männlichkeit, in meiner Präsenz viel, viel deutlicher spüren, als ich das früher jemals konnte. Und das fühlt sich großartig an.

[00:34:49] Lenne Kaffka Wer jetzt noch mehr über Angela, Christoph und Slow Sex erfahren will, kann sich auf der Seite der beiden umsehen:  achtsam-lieben.de. Der Link steht wie immer in den Shownotes zu dieser Episode. Und das war’s für heute mit Smarter Leben. Die nächste Folge gibt’s ab kommendem Samstag auf spiegel.de und überall, wo es Podcasts gibt, zum Beispiel bei Spotify oder Apple Podcasts. Bei Anregung oder Themenvorschläg einfach eine Mail schreiben an smarterleben@spiegel.de. Diesmal wurde ich unterstützt von Philipp Fackler und Yasemin Yüksel. Unsere Musik kommt von audioBOUTIQUE. Tschüss, bis zum nächsten Mal.



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