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Geschichten aus der Planwirtschaft

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Es war nicht alles schlecht in der DDR. Das sagen jedenfalls viele DDR-Bürger. Und deshalb lässt man sie am besten erzählen. Auch die Funktionäre. Uwe Trostel, 1941 geboren, war Vorsitzender der Bezirksplankommission Magdeburg und die letzten Jahre vor der Wende sogar „Leiter der zentralen staatlichen Inspektion für Investitionen bei der Staatlichen Plankommission der DDR“. Was es nicht alles gab. Dieser Uwe Trostel also erinnert sich an die Versorgungssituation: „Die notwendigen Dinge, die der Mensch braucht, die gab es.“

Dazu ein Blick in die Statistik. In 100 Haushalten habe es 159 Kühlschränke gegeben, 125 TV-Geräte sowie 55 Autos. Pro Kopf verzehrte der DDR-Bürger 98 Kilo Fleisch im Jahr, das war mehr als im Westen. „Es gab auch Mangel“, erinnert sich Trostel bei einer Veranstaltung des Verlags Rohnstock Biografien, „aber alles in allem waren die Bürger recht zufrieden“.

“Deutungshoheit über das persönliche Erleben”

Im „Digitalen Erzählsalon“ anlässlich des 30. Jahrestags der Vereinigung lässt der Verlag in 20 Veranstaltungen DDR-Bürger zu Wort kommen. Auch mit sozialtherapeutischer Zielsetzung. Viele Ostdeutsche fühlten sich abgehängt „und wenden sich deshalb von der Demokratie ab“, heißt es bei Rohnstock. „Gleichzeitig wächst der Wunsch, dass die Ostdeutschen ihre Geschichte erzählen, damit sie ihre Erfahrungen verarbeiten und ihre Deutungshoheit über das persönliche Erleben der Wendejahre behalten.“ Schließlich könnte das ganze Deutschland von den Transformationserfahrungen profitieren – wenn diese „wachgerufen und nutzbar gemacht werden“.

Mit Hilfe von knapp 200 000 Euro aus dem Bundeswirtschaftsministerium finden die Salons statt. Ein E-Buch mit 30 Geschichten von Zeitzeugen ist in Planung, in dem dann Uwe Trostel und Marlies Ameling aus Wernigerode mit ihren Erzählungen zum Thema „ostdeutsche Konsum-Erfahrungen im Wandel“ erscheinen.

Inhalt wichtiger als Verpackung

Ameling, Jahrgang 1952, gelernte Industriedesignerin, war die künstlerische Leiterin der Glasmanufaktur Harzkristall. Anders als im Westen, wo die Verpackung nicht selten wichtiger ist als der Inhalt, und Produktgestaltung, Design und Marketing große Bedeutung haben, konzentrierten sich die Glasdesigner im Harz auf „Funktion und Zweck und nicht Dekoration oder Trends“, sagt Ameling mit Stolz. „Die Sachen, die wir uns vor 40 Jahren ausgedacht haben, funktionieren heute auch noch.“ Aber alles hat sich verändert. „Die Wende war für uns eine absoluten Katastrophe.“ Von 140 Arbeitnehmern blieben 27 übrig, heute werden die Gläser im billigeren Ausland produziert. „Wir sind nur noch Händler und Marketingleute und keine Handwerker mehr“, ärgert sich Ameling. Die Glasmanufaktur gibt es noch immer – als Touristenziel. „Die kaufen dann die Produkte, die irgendwo auf der Welt hergestellt werden.“ Nur nicht im Harz.

27 500 Mitarbeiter im VEB Spielwaren

Ständige andere Produkte oder Produktvarianten, dazu selbst Trends setzen oder Trends mitmachen – für die Industriedesignerin Ameling, die früher 520 Mark im Monat verdient hat, ist das „ganz furchtbar“. Eine andere Welt, die von Verschwendung und Überversorgung gekennzeichnet ist. „Wir haben viele neue Mixer nach der Wende gehabt“, sagt Amelinig, „aber eigentlich funktioniert der aus der DDR immer noch“.

Bernd Sauer hat im thüringischen Steinach Karriere gemacht. Mit 33 Jahren war er Betriebsdirektor und stieg dann auf zum stellvertretenden Direktor des VEB Kombinat Spielwaren, ein Konzern mit 27 500 Beschäftigten in 22 Betrieben. Insgesamt 2500 verschiedene Spielzeuge produzierte das Kombinat, die Hälfte musste exportiert werden ins sozialistische oder nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet. Die größten Kunden im Westen waren die Versandhäuser Neckermann und Quelle, die es auch nicht mehr gibt. Holzspielzeuge, Puppen und Plüschspielzeug gingen gut, erzählt Sauer. Gerade beim Holz sei man in den 1980er Jahren auf Weltniveau gewesen, deshalb exportierte man auch mehr als andere Kombinate. Das „Amt für Preise“ habe die Preise festgelegt, der Aufwand spielte keine Rolle. Die Lok BA 95 zum Beispiel sei für 45 Mark verkauft worden, die Herstellungskosten betrugen 63 Euro. „Diese Preisbildung musste ins wirtschaftliche Verderben führen“, sagt Sauer. Selbst Erich Honecker habe „viele Vorschläge aus der Industrie bekommen“. Vergeblich. Als die D-Mark kam, was zu einer Aufwertung um 200 Prozent führte, waren die Spielwaren unverkäuflich.

Der Preis funktionierte nicht als Regulativ

Heute stellen noch etwa 800 Personen in den ostdeutschen Bundesländern Spielwaren her, schätzt Sauer, der ein Buch über das „Spielzeugland DDR“ geschrieben hat. Die DDR-Wirtschaft haben sich zur Mangelwirtschaft entwickelt, in der man jemanden kennen musste der jemanden kennt, um an Waren zu kommen, „weil der Preis als Regulativ nicht beachtet wurde“, meint Sauer, dessen Spielzeug nur zu rund einem Fünftel im Einzelhandel landete. Ein Großteil war für Kitas und Schulen bestimmt – „und für die Versorgung der Roten Armee“.

“Gegen den Konsumwahn”

Die 68-jährige Karin Weitze hat in Cottbus einen „Kost-Nix-Laden“ mit aufgebaut. Ein ehrenamtliches Projekt „gegen den Konsumwahn“, wie Weitze erzählt. Sie fremdelt mit dem neuen System, obwohl sie nach der Wende Betriebswirtschaftslehre studierte: „Marketing halte ich für eine Scheinwissenschaft.“ In der DDR haben sie das tun können, was sie wollte, „Geld spielte dabei keine Rolle“. In der neuen Zeit stört sie der „extreme Konsum“, die „Arroganz“ gegenüber Entwicklungsländern sowie „der Rechtsruck“ in der Gesellschaft. Bestärkt sieht sich Weitze vom Zuspruch ihrer Enkel. „Was man tut, macht man ja, damit es nach einem auch weitergeht.“

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