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Die Spaßerfinder

Die Idee zu seinem neuen Buch, so hat Philipp Winkler erzählt, sei ihm gekommen, als er in einem amerikanischen Internet-Magazin vom Aussterben jenes Soziolekts gelesen habe, den die Schausteller in den amerikanischen Südstaaten sprechen.

Als ihn dann der Aufbau Verlag im vergangenen Jahr bat, ein kleines Buch zu einer Sonderreihe zum 75. Jubiläum des Verlags beizusteuern, entwickelte sich bei Winkler schnell die Erzählung von einem Abgesang auf eine untergegangene Welt – die der fahrenden Kirmesleute und Artisten, der Blender, Aufschneider, Outlaws und fahrenden Unterhaltungsspezialisten, der Zuckerwattenvirtuosen und Dosenwurfgaukler.

Der 1986 geborene Philipp Winkler ist mit seinem Debütroman „Hool“ bekannt geworden, der es 2016 bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. „Carnival“ ist eine lange Erzählung, für die Winkler die Arbeit an seinem zweiten Roman unterbrochen hat.

Aber der Stoff fügt sich prächtig in sein Universum – er hat ein Faible für Außenseiter und Randständige, für Unbehauste und solche, die von der bürgerlichen Gesellschaft allzu gern als Asoziale stigmatisiert werden.

Eine elegische Stimmung liegt über dieser Erzählung

Für dieses Milieu hat Winkler auch in „Carnival“ eine Sprache gefunden, die auf den ersten Blick durch und durch authentisch, also dem Mündlichen nachgebildet zu sein scheint, in Wahrheit aber elaboriert Reflexions- und Metaebenen eingebaut hat.

Erst am Ende des Textes wird klar, wer es überhaupt ist, der da zum letzten Mal den Wimmelkosmos der Kirmes beschreibt. Es soll an dieser Stelle auch nicht verraten werden.

Von Beginn an liegt über „Carnival“ eine elegische Stimmung, die ein Teil des Reizes dieser Erzählung ausmacht: „Einmal im Jahr kamen wir auf einen Sprung vorbei. Wenn Eiscreme-Wetter war. T-Shirt-Wetter und Hotpants-Wetter. Riesenrad-Wetter und Hau-den-Lukas-Wetter. (…) Wir waren die, die den Spaß erfunden haben. Vielleicht erinnert ihr euch daran.“

Diese Erzählstimme ist ein Individuum, erfüllt aber gleichzeitig auch eine kollektive Funktion: Wie auf einer Bühne lässt Winkler seine Figuren auf- und wieder abtreten, zeigt sie in ihren Rollen im großen Gefüge der Kirmes und entwirft gleichzeitig das Bild einer Lebenshaltung, die mal freiwillig, aber hin und wieder auch aus der Not der Alternativlosigkeit geboren wurde. Die klassischen familiären Bindungen sind ersetzt durch die Großfamilie der Schausteller, die ihre eigenen Traditionen und Bräuche (und Vorzüge und Gemeinheiten) hat.

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Es gibt die begabten Schwätzer, die das Publikum rhetorisch gekonnt einwickeln und auch mit Provokationen aufwiegeln. Es gibt die „Holmirma-Jungen“, die aus der Gosse zur Kirmes gekommen sind und sich als Laufburschen verdingen. Es gibt Spinner, Traumtänzer, harte Arbeiter und Verrücktgewordene wie den Baron, der als Akrobat vom Seil stürzte, eine Hirnverletzung erlitt und seitdem als Tierpfleger mit den Ratten und Schlangen eine geradezu symbiotische Existenz führt.

Und da ist schließlich Butsch der Barbar, für dessen letzte Nummer das Zeltdach geöffnet wurde, damit ein 500 Pfund schwerer Granitblock über der Manege baumeln konnte. Die Sache ging schief: „Wir hätten vor der Show Regencapes an die ersten Reihen ausgeben sollen“, lautet der Kommentar der Erzählstimme.

Philipp Winkler hat sichtliches Vergnügen an der Drastik, aber er schildert jede seiner Figuren mit Sympathie.

Viele von ihnen hätten für sich genommen als Protagonist für einen ganzen Roman getaugt, doch „Carnival“ ist ein anderes Buch geworden: Bei aller eingestandenen Nostalgie geht es auch immer um den Gegensatz von drinnen und draußen, um das Verhältnis zwischen denjenigen, die ihr Leben darauf ausgerichtet haben, andere Menschen mit Kunst und Unterhaltung zu versorgen, und denjenigen, die dieses Angebot gerne annehmen, aber dennoch mit Verachtung auf die Kirmesleute blicken.

Der Spaß ist vorbei, „hier sind jetzt Parkplätze. Und Einkaufszentren mit Parkplätzen.“ Wenn man sich anschaut, wie in der ökonomischen Zwangslage der Corona-Pandemie die Rolle der Kunst und der soziale Status und die Relevanz von Künstlern beurteilt werden, könnte man auf die Idee kommen, dass „Carnival“ dann doch mehr ist als nur eine schriftstellerische Fingerübungs-Luftnummer.

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